Die juristische Steilvorlage
zum öffentlichen Judenhass

Hamburg, 21. Juni 2019. Einerseits: Würde Hamburgs Landesrabbiner die wiederholte Empfehlung des Zentralrates der Juden befolgen und sich auf Deutschlands Strassen äusserlich nicht als Jude zu erkennen geben, wäre ihm diese öffentliche Erniedrigung sicher erspart geblieben. Der 42-jährige Geistliche und deutscher Staatsbürger (!) wurde jetzt am Donnerstag gemeinsam mit einem Vorstandsmitglied der Hamburger Gemeinde  von einem hasserfüllten Antisemiten bespuckt und bedroht. Der Angriff fand unmittelbar nach einem persönlichen Gespräch mit dem Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher direkt vor dem Hamburger Rathaus statt. 

Andererseits: Die bedingungslose Bekenntnis zum Judentum und sein öffentlich selbstbewußtes Auftreten (im Gegensatz zu den „feigen” Funktionären im ZentralratI) dokumentiert aber auch die staatliche Ohnmacht im Umgang mit dem hierzulande insgesamt wachsenden Judenhass. Zwei Stunden nach der Festnahme des auch gegenüber den Beamten aufgebrachten Aggressors, liessen die Ermittler den 45-jährigen Marokkaner wegen „fehlender Haftgründe” frei.  Damit macht die Behörde aus der skandalösen Szene vor dem Sitz des Hamburger Senats einen noch viel schlimmeren und gesellschaftspolitisch folgenschweren Skandal. 

Wenn es Zweifel an einer öffentlich vor Zeugen erfolgten Beleidigung, Anspuckung und Bedrohung von jüdischen Mitbürgern gibt, stellt sich folgelogisch die zunehmend aktuelle Frage nach der heutigen Sicherheit für Menschen dieser Herkunft in Deutschland. 

Es ist unfassbar: Nach dem millionenfachen Völkermord, relativieren heutzutage Polizei und Staatsanwaltschaft die Strafwürdigkeit von Antisemitismus gegenüber einem offiziellen Landesrabbiner. Diese verantwortungslose (Un-)Rechtssprechung ist eine juristische Steilvorlage und Legitimation für öffentlichen Judenhass.

Was immer die Motive des Tatverdächtigen auch gewesen sein mögen; seine persönliche Schuld ist nahezu unbedeutend im Vergleich zum politischen, historischen und moralischen Unrecht seiner Wahlheimat, die Verkehrssünder gnadenlos verfolgt und Antisemiten gnadenvoll verschont. 



© Michel Rodzynek 2020