Offener Brief an Jörg Schönenborn,
WDR-Fernsehdirektor 

Sehr geehrter Herr Schönenborn.

Nach dem folgenschweren Eigentor mit der gescheiterten Verbannung und gestrigen (Zwangs-)Ausstrahlung der Antisemitismus-Doku haben Sie der Öffentlichkeit einen höchst peinlichen Einblick über Arbeitsweise und Ansichten der deutschen Fernsehmacher vermittelt.

Und selbst als es nichts mehr zu verbergen und schön(en)reden gab, sind Sie augenscheinlich in der anschliessenden Sendung „Menschen bei Maischberger” mit der Wahrheit so realitätsfern umgegangen, wie die israelfeindlichen Kirchentag-Muttis mit den wirklichen Gegebenheiten im Nahostkonflikt. 

Wollten Sie damit etwa die unstrittig zunehmende Ressentiments gegenüber Juden und Israelis bei gläubigen Christen verstecken und die Konjunktur des Antisemitismus auch in bürgerlichen Gesellschaftsschichten verharmlosen? Ist das die journalistische Verantwortung der heutigen Zeit? Gute Nacht, Herr Schönenborn!

Übrigens habe ich mich gefragt, ob Sie dieses abprallende Unschuldslächeln in Kombination mit Ihren wohl formulierten Worthülsen auch aufgesetzt hätten, wenn Sie selbst große Teile Ihrer Familie im Holocaust verloren hätten? 

Ich beispielsweise durfte meine Großeltern nicht kennenlernen, weil vorherige Generationen Ihrer Nationalität Millionen Kinder, Frauen und Männer jüdischer Herkunft auf bestialische Art und Weise entkleidet, ausgeplündert und vergast haben. 

Und da markieren sie das Unschuldslamm, das von der bösen Bild-Zeitung zur Ausstrahlung eines mutigen Beitrags vergewaltigt wurde, mit dem Sie inhaltlich nicht einverstanden sind. Ja, Herr Schönenborn, die Wahrheit ist manchmal so bitter wie die herablassende Gleichgültigkeit von TV-Direktoren, die darüber entscheiden, was wir sehen dürfen und was nicht. Kurzum: Ihre Antworten auf die begründeten Fragen des kundigen Historikers Michael Wolffsohn erfüllten ganz das berühmte Trainerzitat von Giovanni Trappatoni „wie eine Flasche leer”.

Wenngleich sich das schwindende Niveau deutscher Fernsehsender zunehmend auch in einer oberflächlichen Interpretation weltlicher Konflikte spiegelt, entspricht die versuchte Verbannung journalistischer Wahrheiten im Land des beispiellosen Völkermords einer Hinrichtung der gesellschaftlichen und medienpolitischen Moral.

Das, sehr geehrter Herr Schönenborn, ist ebenso schlimm wie das bedrohende Gebrüll judenfeindlicher Agitatoren, die einerseits zum Boykott gegen israelische Produkte aufrufen aber andererseits keine Hemmungen haben, ihre Krankheiten mit medizinischen Entwicklungen aus diesem „schrecklichen” Land zu behandeln. Ich wünschte mir, es gäbe auch Tabletten für diejenigen Medienmacher, die so irrsinnige Entscheidungen treffen und dummes Zeug erzählen.

Mit zornigen Grüßen

Michel Rodzynek

22. Juni 2017


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