„Wenn Sie Martin Winterkorn ins Gespräch bringen, würde ich mich erkenntlich zeigen”

November 2015. Der Internationale Fußball schießt aufsehenerregende Eigentore. FIFA und DFB schreiben fortlaufend negative Schlagzeilen und stehen im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. In den USA und der Schweiz ermitteln Behörden über heftige Korruptionen und finanzielle Manipulationen bei der Vergabe von Weltmeisterschaften und Werbeaufträgen. Joseph „Sepp” Blatter, seit 1998 Präsident des Weltverbandes, erklärte im Sommer notgedrungen einen Rücktritt, den er am liebsten widerrufen würde. Im Februar 2016 wählt die FIFA den Nachfolger des 79-jährigen Patriarchen. Auch in Deutschland erschüttern aktuelle Informationen über die Hintergründe um die WM-Vergabe 2006 die Fußball-Ikone Franz Beckenbauer. Vor diesem Hintergrund hat der Autor die beiden Funktionäre zu einem (frei erfundenen!) Interview gebeten. Ein Treffen, das selbstverständlich nie stattgefunden hat !

Herr Blatter, was muss Ihr Nachfolger für dieses bedeutende Amt mitbringen?

Blatter: „Vor allem ein dickes Fell, eisernes Durchhaltevermögen und natürlich konsequentes Einhalten unserer traditionellen Spielregeln. Das ist das A und O in diesem Geschäft. Und wenn der neue Blatter ein bisschen so  wie der alte Blatter sein könnte, wird es der FIFA auch künftig gutgehen. Damit meine ich nicht nur unsere Organisation, sondern besonders auch unsere Funktionäre und Geschäftsfreunde in aller Welt. Sie sind sehr beunruhigt und hoffen auf Kontinuität.”

Sie meinen damit aber nicht die Spielregeln auf dem grünen Rasen?

Blatter: „Natürlich nicht. Wir spielen bei der FIFA nicht mit einem Ball, sondern jonglieren mit harten Devisen. Da geht´s um mehrstellige Millionenbeträge insbesondere aus TV- und Werbeeinnahmen sowie natürlich auch um die Erlöse aus dem Kartenverkauf unserer Events. Das Geld muss ja auch vernünftig und diskret reinvestiert werden. Die renommierte Verschwiegenheit des Schweizer Bankwesens kommt uns dabei natürlich sehr entgegen.” 

Herr Beckenbauer, möchten und können Sie diese Spielregeln erläutern?

Franz Beckenbauer: „Ach bitte, nennen Sie mich doch wie meine Fans einfach Kaiser. Ich würde ja gern etwas zu den Regeln sagen aber der Sepp hat mich eindringlich gebeten, in der Öffentlichkeit nicht über Dinge zu sprechen, die ich nicht ganz begriffen habe.”

Aber immerhin sollen Sie ja maßgeblich daran mitgewirkt haben, dass die WM 2006 an Deutschland vergeben wurde.

Kaiser: „Nun ja, ich bin ein bisschen in der Welt herumgeflogen, habe viele Hände geschüttelt und mein bayerisch charmantes Lächeln aufgesetzt. Das hatte vielleicht eine positive Wirkung auf die Entscheidungsprozesse bei der Vergabe.”

…die - so heißt es – maßgeblich durch finanzielle Zuwendungen beeinflusst worden sein sollen.

Kaiser: „Wenn man im Fußball Erfolg haben will, muss man eben auch genug Geld in die Hand nehmen.”

...und dafür sorgen, dass es in die richtigen Taschen kommt.

Kaiser: „Meine Hände stecke ich grundsätzlich immer in die eigenen Taschen.”

... hat der DFB nun die WM 2006 quasi gekauft und waren Sie persönlich an diesen obskuren Vorgängen beteiligt?

Kaiser: „Obskur – dieses Wort kenne ich gar nicht. Schauen Sie, mein Leben lang habe ich mich nur auf den Fußball konzentriert und alles andere meinen Beratern überlassen. Denen habe ich immer vertraut und natürlich alle Verträge und Dokumente unterschrieben, die sie mir vorgelegt haben. Das ist heute noch so. Für mich auch absolut eine Ehrensache.”

Und was sagt Ihre Ehre zum kürzlichen Rücktritt von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach; ist er nicht ein typisches Bauernopfer?

Kaiser: „Der liebe Wolfgang sollte sich ein Beispiel an unserem Sepp nehmen. Der steht wie ein Fels in der Brandung und kippt nicht bei der ersten hohen Welle um. Ich weiß nicht, warum der DFB-Präsident so schnell seinen Schreibtisch geräumt hat.”

...wohl auch wegen der Dokumente, die Sie eigenhändig unterschrieben haben. Also haben Sie doch etwas gewusst, wovon Sie nichts wussten?

Kaiser: „Das kann man vielleicht so sagen oder fragen Sie doch mal meine Berater. Die wissen, unter welches Blatt Papier ich warum, wann und wo meinen Namen gesetzt habe..”

Herr Blatter, was muss man eigentlich unter Hoffnung auf Kontinuität der FIFA-Funktionäre verstehen?

Blatter: „Ich habe in meiner fast 20-jährigen Präsidentschaft eine harmonische Konsenskultur gepflegt, die unter­schiedliche Interessen und Ansprüche vereint. In der großen FIFA-Familie sind prinzipiell immer alle auf ihre Kosten gekommen. Mit unermüdlicher Kreativität und typisch schweizerischer Neutralitätsdiplomatie löse ich quasi jeden ernsthaften Konflikt bei der Vergabe von Weltmeisterschaften zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Als ich in diesem Sommer ungewollt meinen Rücktritt erklären musste, habe ich weltweit bei vielen Kollegen in den kontinentalen Verbänden große existenzielle Sorgen ausgelöst. Sepp Blatter gilt überall als ein Ehrenmann, auf den sich Entscheidungsträger verlassen können. Im Vertrauen darauf sind einige Freunde sogar persönliche Verpflichtungen eingegangen, auf die ich hier mit Rücksicht auf die vielen Neider und absurden Verdächtigungen verschiedener Behörden speziell in den USA nicht weiter eingehen kann. Ich möchte niemanden belasten.”

Gut, dann wollen wir nicht eine Frage vertiefen, deren Antwort mittlerweile ohnehin allgemein bekannt ist. Herr Blatter, wäre nicht Kaiser Franz der richtige Mann an der Spitze des Fußball-Weltverbands?

Blatter: „Vielleicht als Doppelspitze mit Uli Hoeneß. Die beiden teilen ein gemeinsames Fußball-Leben beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Der Franz wäre ein toller FIFA-Außenminister und Uli unser idealer Finanzchef. Als langjähriger Geschäfts­partner mehrerer Banken in der Schweiz verfügt er über persönlich hervorragende Kontakte zu den großen Drahtziehern unserer Finanzwelt.

Aber wer hätte dann bei der FIFA den Hut auf?

Blatter: „Natürlich ein neuer Präsident, der meinen bewährten Erfolgsurs auch fortzusetzen vermag.” 

Wem trauen Sie denn zu, das große Vakuum nach der Blatter-Epoche auch wirklich füllen zu können?

Blatter: „Na gut, ich verrate Ihnen meinen heimlichen Wunschkandidaten. Martin Winterkorn, der Ex-Chef von VW. Ich habe persönlich allergrößte Sympathien für ihn, weil er genauso wie ich für seine herausragenden Erfolge bestraft worden ist. Ein großartiger Fußball-Freund. Er hat einen großen Teil der bei Volkswagen verdienten Milliarden in den VfL Wolfsburg gesteckt und diesen ehemaligen Provinzclub zu einem europäischen Spitzenverein gemacht. Mit ihm hätte ich einen würdigen Nachfolger, der auch über die Fähigkeit verfügt, unsere große FIFA-Familie zusammen zu halten. Da würden viele von uns wieder sorglos schlafen können. Der Winterkorn könnte bei uns jedenfalls ohne Heimlichtuerei so richtig  Gas geben. Schade, ich kann ihn leider aus strategischen Gründen nicht vorschlagen. Wenn Sie ihn aber ins Gespräch bringen könnten, würde ich mich bei Ihnen sehr erkenntlich zeigen.”  

Meine Herren, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche (Phantasie-)Gespräch !  

© Michel Rodzynek 2020