Das Jammern über Antisemitismus

schafft keine neue Jüdische Identität
 
Zentralrat und Gemeindewesen sollten die Juden in Deutschland als integrierte Gemeinschaft positionieren   


Am 9. November feiert Deutschland den 26. Jahrestag der Wiedervereinigung. Dieses Datum steht bekanntlich auch für die so genannte Kristallnacht der Nazis gegen das deutsche Judentum. Der im November 1938 landesweit organisierte Reichsprogrom  gegen wehrlose Menschen forderte etwa 400 Todesopfer und über 1.400 zerstörte Synagogen, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen. Die Freude über den Mauerfall vermischt sich mit den schmerzhaften Erinnerungen über diesen blutigen sowie scherben- und flammenreichen Auftakt des Massenmordes an Europas Juden.

Heute, 77 Jahre danach, hat sich die Welt in vielerlei Hinsicht geändert. Sie ist nicht besser geworden und nimmt derzeit eine Entwicklung, die wachsende Sorgen und sogar höchst beängstigende Zukunftsvisionen auslöst. Ungeheilt bleiben auch beträchtliche Teile der Gesellschaft in ihren genetisch vererbten Ressentiments gegenüber Juden. Der Antisemitismus hat trotz der millionenfachen Ausrottung von Kindern (1,5 Mio!), Frauen und Männern überlebt. Schlimmer noch, aktuell feiert er sogar eine erschreckende Renaissance, die sich – mit dem faulen Alibi einer pseudoliberalen Kritik an das Verteidigungsrecht des Staates Israels – als Antizionismus zu rechtfertigen sucht. Die militärische Stärke des jüdischen Staates ist dabei quasi der Anlass einer zunehmend kollektiven Beschuldigung des Weltjudentums für die Krisen des Nahen- und Mittleren Ostens. Sogar deutsche Bürgermeister wie das schier kopflose Oberhaupt der ehemaligen DDR-Stadt Jena erklären Jerusalem öffentlich als verantwortlich für den aktuellen Flüchtlingsstrom aus dem Kriegsgebiet Syrien.

Ungeachtet dieser unerfreulichen Entwicklungen sind die Interessenvertreter der Juden in Deutschland jetzt umso mehr gefordert, konkrete Initiativen zu ergreifen, um die über 100.000 Mitglieder in den 108 jüdischen Gemeinden der 23 Landesverbände als eine integrierte Gemeinschaft zu positionieren. Die wirkliche Zahl der in Deutschland lebenden Bürger jüdischen Glaubens dürfte um einige Zigtausend höher sein, da sich insbesondere  jüngere Personen und Familien angesichts veralteter Strukturen und wenig ansprechender Leistungsangebote nicht in die Gemeinden eingeschrieben haben. Hinzu kommen fast 20.000 junge Israelis in Berlin, das mehr und mehr israelische Start-Ups anzieht. Sie zählen weltweit zu den führenden Entwicklern innovativer Technologien. Daher stellt sich an dieser Stelle die Frage, weshalb Zentralrat wie Gemeinden dieses hohe Expansionspotenzial nicht erschließen und sich in gewohnter Sturheit nicht auf die Ansprüche der nachfolgenden Generationen einstellen. Diese jungen Menschen wollen nach vorn schauen und sich nicht über den Holocaust definieren. 

Die öffentliche Wahrnehmung der Juden in Deutschland konzentriert sich primär auf den vielbeklagten Antisemitismus und der ständigen Forderung an den Rechtsstaat, möglichst etwas zu verbieten, was sich ebenso verhindern lässt, wie  Schneeflocken im Winter. Das strategisch richtige Konzept gegen Judenhass heißt Judenstolz. Die aufrechte Haltung und Bekenntnis zur Herkunft schafft weitaus mehr Respekt als eine devote Tarnung seiner jüdischen Zugehörigkeit  beispielsweise durch die kontraproduktive Empfehlung des konzept- und orientierungslosen Zentralrates, öffentlich keine Kippa zu tragen. Ohne das bedrohliche Problem des wachsenden Judenhasses zu verkleinern, sind die Verantwortlichen mehr denn je gefordert, Jüdisches Leben in einer Art und   Weise zu gestalten, die alle Menschen dieses Glaubens einbindet und sie nicht vom gesell­schaftlichen und sozialen Umfeld ihres Lebens­­­mittelpunktes abkoppelt. Der Wandel vom Juden in Deutschland zum deutschen    Juden erfolgt durch Integration statt Ausgrenzung.  

Voraussetzung  der dringend gebotenen Neuausrichtung ist eine – vor allem mental – grundlegend erforderliche Verjüngung der institutionellen Führungskräfte, die das deutsche Judentum aus dem geistigen Holocaust-Ghetto befreit und die latente Angst der Herkunft in ein angemessenes Selbstbewusstsein wandelt. Zugleich sollten sich die Gemeinden weiter öffnen und einen kontinuier-lichen Dialog mit den Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften suchen. Ihre Leader sollten ebenso über politisches Gespür wie auch ausreichend Entschlossenheit verfügen, problematische Themen anzupacken. Das erfordert eine konzeptionell anspruchsvolle Basisarbeit und auch die bislang fehlende Bereitschaft, alte Zöpfe abzuschneiden und persönliche Machtinteressen zurück­ zustellen. 

Erster Schritt wäre die überfällige Reform des inzucht- artigen Wahlverfahrens. Der bisherige Modus ignoriert die berechtigten Interessen der Mitglieder, da diese von der Zusammensetzung des Vorstands völlig ausgeschlossen werden. Die Stimmenbegrenzung auf eine Beiratswahl, der allein über das Vorstandsgremium entscheidet, entspricht einer Entmündigung . 

© Michel Rodzynek 2020