David Ben Gurion

Was würde Israel-Gründer Ben Gurion wohl  zum deutschen Zentralrat der Juden sagen? 

Hamburg, 11. Juli 2018. Im Sommer 1970 hatte ich, gerade mal 21 Jahre jung, die unvergessliche Ehre, David Ben Gurion in seinem Haus in Tel Aviv zu interviewen. Die persönliche Begegnung mit dem Gründer des Staates Israel ist mir noch heute in detaillierter Erinnerung. Ich empfinde größte Dankbarkeit für die Ehre einer persönlichen Begegnung mit dem Mann, der dem jüdischen Volk eine neue Lebensgrundlage geschaffen hat. Israel ist in seiner mittlerweile 70-jährigen Entwicklung nicht nur die nationale Heimat für nahezu neun Mio. Menschen (jüdischer Bevölkerungsanteil ca 75%), sondern auch ein ideologischer Bezugspunkt für über 8 Mio. jüdische Bürger in anderen Ländern. 

Obgleich sich Israel aufgrund der direkten und indirekten Auswirkungen politischer Veränderungen im Nahen- und Mittleren Osten mit einer international zunehmenden Kritik und Boykottaufrufen auseinandersetzen muss, gilt es dennoch als entschlossener und militärisch gefürchteter Beschützer der Jüdischen Minderheiten in aller Welt.

Vor diesem Hintergrund bewerte ich die öffentlich versagte Solidarität und armselige Unterstützung Israels durch den Zentralrat und der Mehrheit seiner angeschlossenen Gemeinden in Deutschland als ein unverzeihliches Vergehen (!) an dem Jüdischen Volk. 

Manchmal versuche ich mir auszumalen, wie ein David Ben Gurion auf die feige Haltung der politisch offiziellen Vertretung der Juden in Deutschland reagieren würde, die sich ihre Konzeptlosigkeit und Untätigkeit mit jährlich 13 Mio. Euro vom Staat finanzieren läßt. 

Statt den rund 200.000 in Deutschland lebenden Juden (etwa die Hälfte sind Mitglieder der 100 Gemeinden des Zentralrates) eine neuzeitliche Herkunftsidentität zu vermitteln und jüdische Interessen durch professionelle (!) und offensive (!) Öffentlichkeitsarbeit zu vertreten, verflüchten sich Präsident Josef Schuster und sein quasi selbst ernanntes Direktorium in einen ziellosen Aktionismus, der primär die persönlichen Eitelkeits- und Machtansprüche erfüllt. Wirkliche Aktivitäten demonstrieren die überalterten Herrschaften vornehmlich an den üppigen Buffets ihrer wirkungslosen Events.

In Frankreich richten die Pariser Juden vergleichsweise einen jährlichen Ball für die israelische Armee aus, bei dem IDF-Vertreter für ihre großen Verdienste um die Sicherheit und Existenz des Staates ausgezeichnet werden.
In Deutschland dagegen empfiehlt der ZR-Präsident Schuster, keine Kippa auf den Straßen zu tragen und somit seine Herkunft zu kaschieren. Und der Vorsitzende der Hamburger Gemeinde möchte aus Angst vor Reaktionen keinerlei Bekenntnis zu Israel öffentlich zeigen.

Aktuelle Diskussionen der Facebook-Gruppe „Jüdisches Leben und Lieben” belegen die unterschiedlichen Ansichten in den gebotenen Reaktionen auf judenfeindliche Aggressionen. Bezeichnenderweise haben einige Mitglieder noch immer nicht verstanden, dass wir selbst uns mit Antisemiten auseinandersetzen müssen. Von der Politik, Justiz sowie Medien und Gesellschaft haben wir - von Ausnahmen abgesehen – keinerlei Hilfe zu erwarten. 

Wir, die größtenteils das Glück der späten Geburt hatten, sind es den vorherigen Generationen schuldig, für unsere Herkunft einzustehen. Jude zu sein, ist vor allem auch eine verpflichtende Ehre oder ehrenvolle Pflicht.
Das unvergessliche Treffen mit David Ben Gurion hat mich in dieser Erkenntnis bis heute bestärkt.Seit Gründung des Staates Israel sind nahezu 30.000 Männer, Frauen und Kinder in den Kriegen und durch Terroranschläge ums Lebens gekommen. Auch diesen Opfern schulden wir die Bekenntnis zu unserer Herkunft. Egal, ob wir in Tel Aviv, Frankfurt oder sonstwo leben.


© Michel Rodzynek 2020