Gro-Ko

Deutschland will sein Verhältnis
zu Israel und Judentum ändern

Will sich die neue Große Koalition von ihrer moralischen Verantwortung drücken?

Hamburg, 3. Februar 2018. Bei der künftigen Bundesregierung kündigt sich wohl ein bedenklicher Kurswechsel in den sensiblen Beziehungen zum Staat Israel und zu den jüdischen Mitbürgern in Deutschland an. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (und auch andere gleichdenkende Politiker) seit ihrer Amtsübernahme 2005 das Existenzrecht Israels als Bestandteil deutscher Staatsraison deklarierte, wollen die künftigen Regierungspolitiker diese Verantwortung durch eine neue (andere) Bewertung von Ursachen und Auswirkungen des Nahostkonfliktes deutlich abschwächen. Die aktuellen Koalitionsverhandlungen in Berlin geben konkreten Anlass zu Sorgen über die künftigen Beziehungen zu Israel, die zwangsläufig auch negative Einflüsse auf die Lebenssituation der rund 200.000 Jüdischen Bürger in Deutschland haben könnte. Allein in Berlin sollen sich über 20.000 überwiegend junge Israelis aufhalten. Ein großer Teil von Ihnen haben technologisch bedeutende Innovationen kreiert, von denen auch dieses Land maßgeblich profitiert.

Distanz ist der Beginn von Abkehr; für die wachsende Schicht von Verfechtern einer reanimierten nationalsozial­istischen Gesinnung wohl aber auch folgenschwere Ermutigung, den Zügeln ihrer oft klischeehaften Vorurteile gegen Juden freien Lauf zu lassen. Die Vorboten dieses neuen Trends (oder sind es gar Anzeichen für eine ideologische Rückkehr in die 30er Jahre?) haben sich ja schon kürzlich durch die schockierende Passivität eines gelähmten Rechtsstaates gezeigt, als auf Berliner Straßen antisemitische und antizionistische Demonstranten „Juden in Gas” brüllten und symbolisch Israel-Fahnen verbrannten. Solche Bilder kennen wir besonders von iranischen Extremisten auf islamischen Kundgebungen.

Und während die künftigen Regierungsmitglieder die deutsche Staatsraison neu regeln und einen öffentlich auf­lebenden Judenhass (der unvermeidlich Erinnerungen an die schrecklichen November-Progrome 1938 weckt) mangels Willen oder Fähigkeit zulassen, sitzt Außenminister Sigmar Gabriel bei Benjamin Netanyahu und ermahnt den ­israelischen Premier zur Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern. Diese unverschämte Geschmack- und Taktlosigkeit eines Nachkriegsdeutschen Politikers ohne jegliche Referenzen auf erbrachte Leistungen oder Erfolge,  bringt nunmehr sogar weite Teile der israelischen Gesellschaft auf, die der aktuellen Politik ihres Staates durchaus kritisch gegenüberstehen.

„Nein, Herr Außenminister, die Verbrechen Ihrer politischen Vorfahren am Jüdischen Volk geben Ihnen wahrhaftig kein Recht, einem von den Überlebenden des Holocausts gegründeten Jüdischen Staat Anweisungen (geschweige denn Befehle) gleich welcher Art zu geben. Sie sollten ehrfürchtige Dankbarkeit für wirkliche Staatsmänner wie Konrad Adenauer und David Ben Gurion empfinden, die nach der unvergesslichen Naziepoche das Fundament für eine gewachsene Freundschaft zwischen Deutschland und Israel geschaffen haben. Den gebotenen Appell an Ihr Schamgefühl erspare ich mir angesichts ihrer Selbstgefälligkeit und Bestrebungen, moralische Verpflichtungen zugunsten materieller Interessen zu opfern. 

Mal abgesehen davon, dass Sie in allen politischen Ämtern nicht einen einzigen Impuls für eine Lösung des schwierigen Nahostkonflikts gegeben haben. Ihr Beitrag bei dieser Problematik ist eine doppelte Null!

Überboten werden Sie gleichwohl von ihrem „Parteifreund” und SPD-Vorsitzenden Martin Schulz, dessen peinlicher Auftritt 2014 vor der Knesset in Jerusalem bereits einen unverkennbaren Vorgeschmack darauf geliefert hat, was durch den politischen Generationswechsel in Deutschland zu erwarten ist.”

Wie auch immer die neue Bundesregierung aussehen mag; Israel und insbesondere auch die Juden in Deutschland sollten  Bundeskanzlerin Angela Merkel für Ihre beispielhafte Bekenntnis und Unterstützung dankbar sein. Hoffentlich reicht ihr künftiger Einfluss, um dieser für alle Beteiligten so wichtigen Beziehung gerecht zu bleiben.

© Michel Rodzynek 2020