Ein Gedicht vor Gericht

Günter Grass missbraucht Israel für weltweites Medienecho

7. April 2012. Mit 17 ging Günter Grass zu Hitlers Waffen-SS, mit 72 erhielt er den Nobelpreis für Literatur und jetzt, mit 84, sorgt er für heftige Schlagzeilen über ein Gedicht, das so extrem polarisiert wie das gegenwärtige Verhältnis zwischen Iran und Israel. Die Beachtung dieser wahnwitzigen Interpretation israelischer Erstschlag-Ambitionen gründet sich ausschliesslich aus dem Bekanntheitsgrad einer Galionsfigur deutscher Literatur. 

Man muss wohl schon Günter Grass heissen, um so einen Blödsinn veröffentlicht zu bekommen. Der eigentliche Skandal liegt aber gar nicht in der abstrusen Einschätzung angeblicher Kriegslust in Jerusalem, sondern in dem ungeheuren Widerspruch zwischen literarischer Intelligenz und politischem Unverständnis eines alten Mannes, der sich durch geschickte Provokation für kurze Zeit ins mediale Rampenlicht rückt. Dafür ist er sogar bereit, eine Nation zu missbrauchen, mit der er sich ja eigentlich verbunden fühlt und die maßgeblich aus dem Massenmord europäischer Juden resultiert. 

Großen Anteil daran hatte jene SS, zu deren Zugehörigkeit sich der Jugendliche Grass erst als fortgeschrittener Senior 50 Jahre nach Kriegsende bekannte. So viel zur Referenz der Glaubwürdigkeit des aktuellen Israel-Kritikers, der sich indes mit dem dadurch erzeugten Jubel in Teheran trösten darf. Dennoch, Günter Grass ist wahrhaftig weder Antisemit noch unbelehrbarer Nationalsozialist. Vielmehr offenbaren sich hier die Symptome einer  Alterskrankheit, unter der so manche prominente Persönlichkeiten leiden: Das bedeutungslose Schattendasein abseits der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Weil Günter Grass mittlerweile kein Thema mehr ist, dichtet er sich selbst zum Aufmacher von Fernseh- und Printmedien. Wie ein kleines Kind, das sich durch Unartigkeit die Beachtung der Erwachsenen holt.

Hierbei sucht sich Grass als Aufhänger einen Inhalt, der zugleich einen weiten Spannungsbogen von der deutschen Vergangenheit bis zum internationalen Konflikt um die nuklearen Ambitionen des Iran und die Spekulationen um eine gewaltsame Intervention gegen die atomaren Brutstätten zieht. Hätte er sich beispielsweise um die gesellschaftliche Verblödung durch Dieter Bohlens via TV erniedrigten Superstar-Anwärtern gesorgt, wäre diese durchaus berechtigte Warnung allenfalls unter ferner vermeldet worden.

Aber Israel von der kritischen Seite dargestellt, ist eine publizistische Trumpfkarte, die immer sticht. Damit bringt man zugleich die Bundespolitik in Bredouille und die rechte Front in Wallung. Da trommelt im Umfeld der friedlichen Marzipan-Metropole Lübeck ein augen­scheinlich greiser Pseudo-Weiser auf das Blech billigster Anti-Israel-Propaganda. 

Dass er nun im medialen Kreuzfeuer seiner Hirngespinste vorgibt, eigentlich der israelischen Regierung unter Premierminister Benjamin Netanyahu und nicht dem Land eine atomare Kriegslust vorzuhalten, lindert keineswegs die brutale Vergewaltigung eines hochsensiblen Themas durch einen Mann, der sich nunmehr der intellektuell wertvollen Freundschaft des iranischen Präsidenten und nachhaltigen Holocaust-Leugners Mahmud Ahmadinedschad erfreuen darf.

Wer früher Günter Grass gelesen und gehört hat, muss sich heute fragen, ob er von seiner Geistes- kraft eingebüsst oder schlicht ein- fach vergessen hat, seine Medikamente zu nehmen.






© Michel Rodzynek 2020