Interview Prof. Christoph Broelsch

Im Interessenkonflikt zwischen Medizin und Gesetz verliert fast immer der Patient

Prof. Christoph Broelsch spricht über seine Anschuldigungen im aktuellen Prozess vor dem Essener Landgericht 

Essen, 25. September 2009. Hätte er einen „normalen” Beruf, würde er wohl demnächst in den Ruhestand gehen. Aber Christoph Erich Broelsch M.D. Ph.D. ist ein unermüdlicher Chirurg. Der dreifache Familienvater zählte mit über 30 Berufsjahren zu den gefragtesten Spezialisten in der Leber- und Nierentransplantation. Vor zwei Jahren wurde der bekannte Chefarzt des Transplantationszentrums an der Essener Uniklinik suspendiert. Seit vergangenen Montag muss sich der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes wegen angeblicher Bestechlichkeit, Betrug und Steuer­hinterziehung vor dem Landgericht Essen verantworten. Im nachfolgenden Gespräch nimmt der 65-jährige erstmals öffentlich Stellung zu den Vorwürfen. 

Sie sollen Patienten zu Geld-Spenden genötigt haben, wenn sie von Ihnen persönlich und zeitnah operiert werden wollten?

Prof. Broelsch: „Nein, das ist absolut falsch. Das eigentliche Problem liegt in unserem Gesundheitswesen. Die gesetzliche Krankenversicherung sieht keinen Behandlungsanspruch durch Chefärzte vor. Da betroffene Patienten aber oft unbedingt von mir persönlich operiert werden wollten, habe ich nach einer gerechten Lösung gesucht. So kam ich auf die Idee, als Gegenleistung um eine Spende für unsere Forschungsarbeit zu bitten. Das war ein Wunsch, aber keine Bedingung. Sie war ebenso freiwillig wie meine Entscheidungsfreiheit, dem Patientenwunsch zu entsprechen. Im übrigen habe ich in verschiedenen Fällen auch dann persönlich operiert, wenn eine Spende aus welchen Gründen auch immer nicht möglich war. Wir reden also nicht von einer grundsätzlichen Bedingung, sondern von einer Geste der Dankbarkeit, von der letztendlich alle Patienten unserer Klinik profitieren. Nicht ein einziger gespendeter Euro ist in meiner Tasche gelandet. Die Spenden sind auf einem Drittmittelkonto verwaltet worden, das von der Klinikverwaltung beaufsichtigt und vom Landesrechnungshof zuletzt 2005 geprüft worden ist. Und zwar ohne jegliche Beanstandung.”

Werden Ärzte in Deutschland verklagt, weil Sie um Spenden für ihre leere Forschungskassen bitten? 

Prof. Broelsch: „Wir sind Mediziner, keine Juristen und auch keine Steuerexperten. Mir zum Beispiel wird vorgeworfen, dieses Geld nicht versteuert und auch nicht die übliche Hochschul-Nebentätigkeits-Abgabe von 35 Prozent an das Klinikum geleistet zu haben.” 

Aber die Uniklinik hat doch alle Spenden bekommen? 

Prof. Broelsch: „Das Geld ist für Forschungsarbeit verwendet worden. Wir hätten nach Ansicht der Gesetzeshüter aber ein Drittel davon an die Verwaltung abführen und den Rest versteuern sollen. Ich wollte die Spenden im Interesse unserer Patienten ausschliesslich für Projekte der Tumor- und Transplantationsmedizin verwenden.”

Herrscht denn so große Geldnot in einer Universitätsklinik, dass auf diese Weise Forschungsprojekte finanziert werden müssen?

Prof. Broelsch: „In der Praxis ist der Kampf um ein Menschenleben nicht so belastend wie der Streit um dringend benötigte Mittel. Es fehlte an allen Ecken und Kanten. Wir haben so manche Projekte zur medizinischen Fortbildung selbst finanziert. Mal abgesehen von Personal und Ausstattungen, steht kaum Geld für Gastwissenschaftler oder Fortbildungsveranstaltungen zur Verfügung. Wenn ich die Verhältnisse in Deutschland mit anderen Ländern vergleiche – und ich denke nicht nur an die USA – so liegen wir weit zurück. Deshalb habe ich meine Aufgabe als Klinikleiter auch in der Akquisition von Mitteln gesehen und dafür meine eigene Leistung und Reputation investiert.”

Also absolut keine persönlichen Geldinteressen?

Prof. Broelsch: „ Ich bin über 60 und habe in den langen Jahren meiner beruflichen Tätigkeit gut verdient. Ein wirtschaftliches Motiv gab und gibt es nicht. Und mein guter Ruf ist mir auch wesentlich mehr wert als der finanzielle Nutzen an einem Spendenaufkommen, das in den neun Jahren meiner klinischen Verantwortung vielleicht insgesamt 200.000 Euro ausmachte. In dieser Zeit habe ich vergleichsweise insgesamt über 6.000 Patienten operiert. Viele von Ihnen waren nur gesetzlich krankenversichert und hatten somit keinen Behandlungsanspruch bei einem Chefarzt. Das sind die Regeln unseres Systems; nicht meine.”

Und jetzt werden Sie von einigen Patienten belastet, die Ihnen viel verdanken.

Prof. Broelsch: „Es sind nur einige wenige Personen, das ist statistisch unbedeutend. Menschlich allerdings sehr enttäuschend, weil mir dieser Ärger erspart geblieben wäre, wenn ich seinerzeit der nachdrücklichen Bitte auf persönliche Behandlung nicht entsprochen hätte. Im übrigen glaube ich nicht, dass diese Patienten so handeln würden, wenn sie einen tieferen Einblick in die wirtschaftlichen und medizinischen Probleme des Gesundheitswesens haben würden. Ich bin sicher, dass die meisten Kritiker dann auch mein Handeln verstehen würden. Mal abgesehen davon, dass die Spendenbereitschaft der betreffenden Patienten nicht ohne den Eigennutz eines Vorteils war. Im übrigen habe ich immer wieder auf die medizinisch hohe Kompetenz unseres gesamten Ärzteteams hingewiesen. Aber diese Patienten wollten unbedingt von mir persönlich operiert werden. ”

Sind Sie nach diesen Erfahrungen verbittert?

Prof. Broelsch: „Absolut nicht, weil ich als Arzt, Mensch und Christ immer nach meiner Überzeugung gehandelt habe. Gerade wir Chirurgen müssen immer wieder Rückschläge wegstecken; leider ist und kann nicht jeder Eingriff erfolgreich sein. Aber wenn ich heute ganz selbstkritisch eine persönliche Bilanz über meine Berufswahl und Leistungen ziehe, habe ich wahrhaftig keinen Grund zur Verbitterung.”

Auch nicht, wenn Sie das weiterhin unzureichende Organspenden-Aufkommen in Deutschland in sehen, 
das Sie ja schon seit Jahren öffentlich beklagen?

Prof. Broelsch: „Wenn in Deutschland etwa 10.000 Menschen auf ein Ersatzorgan warten, jährlich aber nur rund 2000 gespendete Organe zur Verfügung stehen, ist das für die Patienten, Angehörigen und für uns Ärzte unerträglich. Statistisch sterben täglich drei Menschen auf der Warteliste, weil kein Ersatzorgan rechtzeitig beschafft werden konnte. Die Situation würde sich schlagartig verbessern, wenn alle spendenwillige Bürger auch einen entsprechenden Spenderausweis hätten. In Deutschland gilt bekanntlich noch die Zustimmungspflicht; andere Länder wie Belgien, Frankreich, Österreich und Spanien praktizieren das vorteilhafte Widerspruchsrecht und haben somit ein höheres Spendenaufkommen.” 

Sie hatten schon mal die Idee von steuerlich begünstigten Organspenden in Deutschland.

Prof. Broelsch: „Das würde uns auch entscheidend weiterhelfen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich viel mehr zu diesem Thema bekennen; öffentlich mehr Aufklärung leisten, Anreize schaffen und die Tabuisierung beenden. Jedermann kann von heute auf morgen in die Situation kommen, ein Ersatzorgan zu benötigen. Im Streit zwischen Medizin und Gesetz verliert fast immer der Patient.”


© Michel Rodzynek 2020