Jerusalem

„Verräter” in eigenen Reihen

Erfolgte die Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt mit Zustimmung arabischer Staaten ?


Hamburg, Dezember 2017. Was steckt wohl hinter Washingtons überraschender Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt, die quasi zwangsläufig zu blutigen Ausschreitungen in der Region und weltweiten Protesten führt? Bestimmt kein politischer Alleingang von US-Präsident Donald Trump, dessen vielzitiertes Motto „Amerika First” allenfalls für seine eigenen Interessen gilt. Wenngleich es auch davor am Status von Jerusalem und seiner elementaren Bedeutung für Israel keinen relevanten Zweifel gab, scheint dem ungeliebten Skandalpräsidenten jedes Mittel genehm, um sich die ­Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und – wichtiger noch – Sympathien von wichtigen Gruppierungen in den USA zu sichern. Die brennenden Fragen: Haben möglicherweise ­arabische Staaten, ursprüngliche Erzfeinde von Israel, dem Jerusalem-Dekret zugestimmt? Ist die Aufregung zumindest in einigen Ländern lediglich eine augenscheinliche Empörung? 

Interessant: Nur wenige Tage nach Trumps glamourösen (und teilweise peinlichen) Auftritten in Saudi Arabien und Israel im letzten Mai bestätigen Riad und Washington einen riesigen Waffendeal über 100 Milliarden Euro mit dem Königreich, das unter der Herrschaft von König und Premierminister Salman ibn Abd al-Aziz seine politischen Reform verstärkt. Der Konflikt mit dem Iran und die heftigen Auseinandersetzungen mit der Terrororganisation Islamischer Staat verändern die Grundsätze des nach Amerika und Russland größten Öl-Produzenten. Das zeigt sich speziell auch am Verhältnis zu Israel. Der jüdische Staat gilt inzwischen möglicherweise als strategischer Verbündeter im politisch unerhofften Notfall eskalierender Konflikte in der moslemischen Welt. Die seit 1948 traditionell ersehnte Zerstörung der jüdischen Nation hätte nunmehr das Risiko, bei Auseinandersetzungen die eigene Position zu schwächen. Erst vor wenigen Wochen hatte Israels Generalstabschef Gadi Eizenkot der saudiarabischen Nachrichtenseite „Elaph” in einem Interview erklärt, dass beide Länder viele Interessen teilten und Israel sogar bereit sei, wichtige Geheimdienst-Informationen mit den Saudis auszutauschen. 

Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung auf der Hand, dass die nunmehr von den USA offiziell erfolgte Anerkennung von Jerusalem als israelische Hauptstadt mit Riad und vielleicht auch mit einigen anderen Emiraten abgesprochen ist. Besondere Bedeutung hierbei hat der Staat Katar auf der Halbinsel südlich von Saudi Arabien. Doha ist Geldgeber der radikalen Terrororganisation Hamas und gewährte ihrem Führer Khaled Mashaal jahrelang Schutz-Asyl. Die Terrororganisation möchte Israel vernichten und feuert immer wieder Raketen aus Gaza ab. 2009 und 2014 eskalierte der Terror in zwei blutige Kriege. Aber auch als Hamas-Sponsor führten Katars Emir und Premier gleichzeitig intensive Annäherungsgespräche mit der israelischen Regierung.

Wenn die palästinensische Öffentlichkeit von diesen Spekulationen wüsste, dann könnte sich der Zorn drehen und sich gegen die Personen, Organisationen und Staaten richten, die für diesen „Verrat” an die eigenen Brüder verantwortlich sind. So gesehen sind die wütenden Gewalttäter in Ost-Jerusalem, Ramallah, Hebron und Gaza letztendlich Opfer politischer und wirtschaftlicher Interessen.

Die palästinensische Empörung über das amerikanische Jerusalem-Announcement ist allein schon deshalb ohne jede Berechtigung, weil selbst die gemäßigte PLO weder unter Jassir Arafat (1969 - 2004) noch ihres heutigen Präsidenten Mahmoud Abbas (Abu Mazen) das Existenzrecht Israels anerkannt haben. Auch deshalb reduziert sich der Anspruch einer Zwei-Staaten-Regelung auf eine kaum realisierbare Forderung.

Donald Trumps historisches Statement am christlichen Nikolaustag kommt einer Existenzgarantie für Israel gleich. Sie sollte daher die politisch Verantwortlichen in Jerusalem beflügeln, den stagnierenden Dialog um einen kaum noch erhofften Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn neu zu beleben. Mit einer solchen Initiative würde Ministerpräsident Benjamin Netanyahu der gesamten Welt und vor allem auch den Menschen auf der anderen Seite seiner Landesgrenzen die hohen demokratischen Werte und den unstrittigen Willen Israels zu einer guten und langfristig auch prosperierenden Nachbarschaft aufzeigen.

Wer das wirkliche Israel kennt, der weiß auch um die gravierenden Unterschiede zwischen wahren Gegebenheiten und dem vor allem in Europa zunehmend durch gezielte Propaganda und Lobbyarbeit erheblich beschädigten Ansehen des Landes. Jerusalem sollte künftig nicht nur Hauptstadt Israels und Religionsmetropole für Juden, Islam und Christen sein, sondern auch Impulsgeber für den dringend erforderlichen Frieden im Nahen Osten. 

© Michel Rodzynek 2020