Weshalb tun die Jüdischen Gemeinden

nichts für die Integration ihrer Mitglieder?


Erinnerungen an Holocaust und Angst vor Antisemitismus verhindern die Herkunftsidentität der neuen Generationen  


Hamburg, 18. April 2016. Über 70 Jahre nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus lebt ein großer Teil der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland noch immer in der Vergangenheit. Wenngleich sich Politik, Medien und Gesellschaft mehrheitlich um die Integration der jüdischen Bevölkerung bemühen, kapseln sich viele Gemeinden weitestgehend ab und grenzen sich und somit auch ihre Mitglieder aus. Die mühsame Überwindung des vielfach instrumentalisierten Holocaust-Traumas erschwert sich allein schon durch das Verhalten dieser Körperschaften des Öffentlichen Rechts, die mehr als mental verkapselte Ghettos denn als selbstbewusste Vertretungen ihrer Bevölkerungsgruppe auftreten. So haben es sowohl der Zentralrat der Juden als auch die 108 angeschlossenen Gemeinden der 23 Landesverbände bis heute versäumt, den Nachkriegs-Generationen eine zeit- und zukunftsgerechte Identität mit ihrer Herkunft zu vermitteln. 

Der 1950 gegründete Dachverband als offizielle und politische Instanz von mehr als 100.000 Mitgliedern will sich primär für gemeinnützige Zwecke engagieren. Ein Anspruch, der sich gleichwohl in der Praxis kaum erfüllt und bedauerlicherweise auch keinen Platz für ebenso existenzberechtigte Gemeinschaften wie das liberale und reformierte Judentum einräumt. Offenbar leitet der Zentralrat aus seiner Bezeichnung einen zentralen Anspruch auf die Alleinvertretung aller Jüdischen Interessen ab und kassiert auch stellvertretend eine staatliche Subvention von jährlich immerhin zehn Millionen Euro. Ein Betrag, der komplett in die Kassen des Zentralrates fließt und über dessen Verwendung die Gemeindemitglieder, eigentliche Nutzniesser dieser Zuwendung des Bundes, überhaupt nicht informiert werden.

Aktuellen Schätzungen zufolge repräsentiert der Zentralrat lediglich rund 60 Prozent der mittlerweile in Deutschland lebenden Bürger jüdischen Glaubens, da sich insbesondere jüngere Personen und Familien angesichts veralteter Strukturen und wenig ansprechender Leistungsangebote nicht in die Gemeinden eingeschrieben haben. Hinzu kommen fast 20.000 junge Israelis in Berlin, das mehr und mehr israelische Start-Ups anzieht. Daher stellt sich hier die Frage, weshalb sich Zentralrat wie Gemeinden nicht auf die heutigen Ansprüche der neuen Generationen einstellen. Diese jungen Menschen wollen nach vorn schauen und sich nicht über den Holocaust definieren. 

Die öffentliche Wahrnehmung der Juden in Deutschland konzentriert sich primär auf den vielbeklagten Antisemitismus und der ständigen Forderung an den Rechtsstaat, möglichst etwas zu verbieten, was sich ebenso verhindern lässt, wie Schneeflocken im Winter. Das strategisch richtige Konzept gegen Judenhass heißt Judenstolz. Die aufrechte Haltung und Bekenntnis zur Herkunft schafft weitaus mehr Respekt als eine devote Tarnung seiner jüdischen Zugehörigkeit beispielsweise durch die kontra­produktive Empfehlung des ängtlichen Zentralrat-Prsidenten Josef Schuster, öffentlich keine Kippa zu tragen. Ohne das bedrohliche Problem des wachsenden Judenhasses zu verkleinern, sind die Verantwortlichen mehr denn je gefordert, Jüdisches Leben in einer Art und Weise zu gestalten, die alle Menschen dieses Glaubens einbindet und sie nicht vom gesell­schaftlichen und sozialen Umfeld ihres Lebens­­­mittelpunktes abkoppelt. Der Wandel vom Juden in Deutschland zum deutschen Juden erfolgt durch Integration statt Ausgrenzung. 

Voraussetzung der dringend gebotenen Neuausrichtung ist eine – vor allem mental – grundlegend erforderliche Verjüngung der institutionellen Führungskräfte, die das deutsche Judentum endlich aus dem geistigen Holocaust-Ghetto befreit und die latente Angst der Herkunft in ein angemessenes Selbstbewusstsein wandelt. Zugleich sollten sich die Gemeinden weiter öffnen und einen kontinuierlichen Dialog mit den Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften suchen. Ihre Leader sollten ebenso über politisches Gespür wie auch ausreichend Entschlossenheit verfügen, problematische Themen anzupacken. Das erfordert eine konzeptionell anspruchsvolle Basisarbeit und auch die bislang fehlende Bereitschaft, alte Zöpfe abzuschneiden und persönliche Machtinteressen zurück­ zustellen. 

Auch sollten die Gemeindefunktionäre den Holocaust nicht immer noch für wirtschaftliche Interessen missbrauchen, um öffentliche Zuwendungen in einer Art ind Weise zu fordern, als wäre jedes Nein zu den wahrhaftig nicht immer berechtigten Erwartungen ein klares Ja zum Antisemitismus. Ein weiterer Schritt wäre die überfällige Reform des inzuchtartigen Wahlverfahrens. Der bisherige Modus ignoriert die berechtigten Interessen der Mitglieder, da diese von der Zusammensetzung des Vorstands völlig ausgeschlossen werden. Die Stimmenbegrenzung auf eine Beiratswahl, der allein über das Vorstandsgremium entscheidet, entspricht einer Entmündigung.          

© Michel Rodzynek 2020