Mini

Beliebter Mini mit Maxi-Wertverlusten 

Wie Leasingkunden mit Knebelverträgen und abschreckenden Angeboten über den Tisch gezogen werden 


Hamburg, im Januar 2017. „Autofahren kostet Geld”. Mit ­dieser hohlen  Binsenweisheit möchte Stefan Schulz, Verkaufsleiter Neue Automobile bei der BMW-Niederlassung Hamburg, ­einen extremen Wertverlust von rund 40 Prozent bei einem Mini Cooper S nach nur einem Jahr und 16.000 KM Lauf­leistung rechtfertigten. Der im Dezember 2015 zugelassene Neuwagen (Listenpreis fast 38.000 €) sei der Gebrauchtwagenabteilung trotz technisch und optisch perfektem Zustand ­maximal 22.000 € wert. 

Bei BMW kostet Autofahren extrem viel Geld, denn zum ­geizigen Inzahlungnahmeangebot kommen noch die gierigen ­Forderungen der BMW-Bank bei einer vorzeitigen Auflösung des Leasingvertrages hinzu. Undurchsichtige Zahlen ohne jegliche Kalkulationserklärung, wohl aber mit dem schriftlichen Hinweis „ohne Anschlussgeschäft”.  Will wohl heißen: Bei einem neuen  Leasingvertrag gäbe es bessere Konditionen. Und wer sich dieser  (branchen­üblichen?) Knebelstrategie versagt, muss halt noch ­tiefer in die Tasche greifen. Alles zusammengerechnet kostete die überteuerte „Freude am (Mini-) Fahren” beträchtliche 18.000 € für nur 13 Monate. Für den Kurs gibt´s vergleichsweise begehrte Luxuskarossen mit erheblich mehr Platz und Leistung sowie ­luxuriöserer Ausstattung und weitaus ­höherem Markenprestige.

Angesichts der im In- und Ausland bemerkenswerten Absatzerfolge des Münchener Automobilkonzerns  verwundern diese kundenfeindlichen Geschäftspraktiken umso mehr. Allein in Deutschland konnte BMW in den ersten drei Quartalen des Vorjahres immerhin rund 200.000 Neuwagen absetzen; hinzu kamen ca 34.000 Einheiten der Marke Mini. Der ursprünglich britische Kleinwagen zerrt noch heute in allen gesellschaftlichen Schichten von seinem legendären Image als beliebter Stadtflitzer und ­siegreicher Motorsportler.

Maßgeblichen Anteil an dieser positiven  Entwicklung der Zahlen haben die zunehmenden Großabnehmer-­Geschäfte, die mit äußerst großzügigen Nachlässen und ­zusätzlichen Vergünstigungen (z.B. Winterräder, alle Wartungen und Treibstoffkosten  ­sowie Versicherungen) gefördert werden. Der hart umworbene ­Konkurrenzkampf um die begehrten Marktanteile drückt folgelogisch die Rentabilität und veranlasst die heutigen Verkaufs­manager zu einer geradezu kleinlichen Haltung gegenüber Einzelkunden. Verkehrte Welt, denn zumindest bei BMW ­subventioniert somit der „kleine Mann” die Firmenflotten von großen Unternehmen. Ein Argument, das der forsche Herr Schulz wortwörtlich als „Quatsch” ­abweist. Im direkten ­Dialog mit ­Kunden ist der kantige Automann  nicht gerade zimperlich und verbal halt teilweise neben der Spur.

Bemerkenswert sind die inzwischen vergleichbaren  Entwicklungen in mehreren Branchen, in denen technologische Innovationen die Qualität menschlicher Leistungen unlängst überholt und – zum Teil – sogar weit hinter sich gelassen haben. Mussten zum Beispiel die Fahrzeuge noch bis in die 90er Jahre wegen kürz­erer Wartungs­intervalle und ­häufigeren Pannen öfter in die Werkstatt, so hat das dienstleistende Personal inzwischen viel seltener ­direkten Kontakt mit bestehenden Kunden. Das heutige Primärziel lautet Expansion um quasi jeden Preis; das Geld verdienen primär die finanzierenden Leasingbanken, die zu einem großen Teil den Automobilkonzernen gehören. 

Die Freude über quasi perfektionierte Automobiltechnik trübt sich spätestens beim Fahrzeugwechsel. Die (BMW)­Kunden werden dann oft mit überzogenen Forderungen zum Ausgleich des seinerzeit großzügigen Entgegenkommens beim Erstgeschäft konfrontiert. Wenn beim Leasing durch festgeschriebene ­Restwerte nichts zu holen ist, finden die „seriösen” Experten in der Regel nutzungsbedingte Schäden (Gebrauchsspurem) bei der ­Fahrzeug-Rücknahme, für deren Beseitigung  dann  unverhältnismäßig hohe Kosten berechnet werden. Aber auch hier ist Kunde nicht gleich Kunde, denn die Händler differenzieren (­un-)fein zwischen Geschäftspartnern mit unternehmerischem Fuhrpark und kleineren Abnehmern. Die Formel  ist einfach: Ab- und ­Umsatz regeln die befremdlichen Umgangsformen von heutigen Verkaufsmanagern wie Stefan Schulz, der viel zu sagen aber wohl  kaum etwas zu entscheiden hat. Und er müsste sich schon auf die lose Zunge beißen, um  begehrte Firmenabschlüsse mit Business­kunden  nicht durch irritierende Äußerungen zu gefährden. 

In weiten Teilen der BMW-Welt steht schon längst nicht mehr der Kunde im Mittelpunkt, sondern primär die Eigen­interessen von Verantwortlichen, die immer weniger Verant­wortung übernehmen. Die betreffenden Herrschaften könnten die Kritik an dieser Stelle allenfalls durch den (berechtigten) ­Hinweis ­relativieren, dass es woanders auch nicht besser sei. Das würde aber nichts an der Feststellung ändern, dass BMW leider auch bei dieser traurigen Entwicklung die Nase weit vorn hat.

© Michel Rodzynek 2020