Shimon Peres

Stirbt mit dem Tod von Shimon Peres auch die letzte Hoffnung auf den Frieden?

Israels großer Staatsmann hinterlässt seinem Land ein schwer erfüllbares Erbe

29. September 2016. Er war der letzte Überlebende einer großartigen Generation und weit mehr als ein Mitbegründer des Staates Israel vor 68 Jahren: Shimon Peres war auch maßgeblicher Architekt der militärischen Kapazitäten seines Landes. Mit dem geheimnisvollen Kernforschungszentrum in der Negev-Wüste hat er in den frühen 60er Jahren den Grundstein für die Überlebensfähigkeit der seit ihrer Proklamation (14. Mai 1948) existenziell bedrohten Jüdischen Nation gelegt. Die nukleare Abschreckung und die Stärke einer leidenschaftlichen Hi-Tec-Armee (Israel Defense Forces) sind heute auch elementare Sicherheitssäulen für die Jüdischen Gemeinschaften in anderen Ländern. 

Shimon Peres war kein Pazifist aber in seinen weitsichtigen Visionen alles andere als ein engstirniger Hardliner. Er galt nicht nur als Verfechter einer Zwei-Staaten-Lösung mit den palästinensischen Nachbarn, sondern auch als unermüdlicher Motor zahlreicher Initiativen und Dialoge für einen sinnvollen Friedensprozess. Obgleich öffentlich sehr präsent und bis zu seiner letzten Krankheit immer in arbeitsintensiven Einsätzen, zählte er wohl auch zu den aktivsten Drahtziehern hinter den Kulissen. 

Shimon Peres war einer der fleißigsten und engagiertesten Staatsdiener (im wahrsten Sinne des Wortes). Seine weltweite Beliebtheit und Anerkennung  würden wohl noch eine ganz andere Dimension erfahren, wenn seine Rollen und Leistungen in vielen – teilweise abenteuerlichen – Missionen jemals publik werden sollten. So umfasste seine politische Karriere auch zahlreiche Geheimtreffen mit Schlüsselfiguren der arabischen Welt, mit denen er um eine Beilegung aller Feindseligkeiten und Lösung aller Probleme angesichts der unterschiedlichen Interessen rang. Der israelische Politiker und Historiker Michael Oren erinnerte gestern in diesem Zusammenhang an ein typisches Zitat des geistreichen wie humor­vollen Staatsmannes: „Vor einer TV-Kamera sollte man sich nie lieben oder über den Frieden in Nahost verhandeln.”

Auch wenn Shimon Peres während der langjährigen Amtsperioden als Minister verschiedener Ressorts sowie als Premier und Staatspräsident der endgültige Durchbruch zu einem Friedensschluss letztendlich versagt blieb, hat er sicherlich erheblichen Anteil an den Abkommen mit den Nachbarstaaten Ägypten und Jordanien, die trotz verschiedener Belastungen bislang standhalten. Eine ebenfalls ermutigende Entwicklung seiner Beziehungen gelang Israel mit weiteren arabischen Ländern besonders in der Golfregion. 

Der altersbedingt natürliche Tod von Shimon Peres stellt nunmehr  die Frage nach den künftigen Chancen eines stagnierenden Friedensprozess, der insbesondere von islamistischen Extremisten wie Hamas und Hizbollah „erfolgreich” verhindert wird. Ihre hinterhältigen Anschläge auf meist wehrlose Menschen untermauern zwar die umstrittene Position der regierenden Politik in Jerusalem, beseitigen aber nicht die internationale Israel-Kritik über eine derzeit mangelnde Bereitschaft zu einem Friedensprozess.  

Shimon Peres hinterlässt der aktuellen Regierung ein schwer erfüllbares Erbe. Um seinen langfristig erfolgsversprechenden Kurs fortzusetzen, müssten zunächst die Persönlichkeiten zu einem politischen Engagement überzeugt werden, die für eine solche schwierige Aufgabe befähigt wären. Kluge Köpfe mit viel Weitsicht, die auch in den jüngeren Generationen durchaus vorhanden sind. Woran es leider fehlt, ist an deren Bereitschaft für eine Funktion in der heutigen Politikwelt. 

Intelligenz und Kreativität der jungen Generation zeigen sich seit Jahren in einer quasi unerschöpflichen Innovationskraft auf vielen Ebenen. Dahinter stehen immer wieder neue Erfindungen und bahnbrechende Forschungserfolge. Die wesentlichen Fortschritte in der Medizin und in anderen Wissenschaften sowie in der neuen Welt komplexer Kommunikations- und Sicherheitstechnologien tragen oftmals das Prädikat „made in Israel”. Als einer der zentralen Förderer auf diesem Gebiet sah Shimon Peres in diesen HiTec-Entwicklungen insbesondere auch wichtige gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Beiträge für die Ansprüche der Weltgemeinschaft. 

Nach David Ben Gurion, Golda Meir, Jitzchak Rabin, Ariel Sharon und jetzt Shimon Peres liegt die Zukunft Israels jetzt allein bei den nachfolgenden Generationen. Die politisch Verantwortlichen in Jerusalem müssen der großen Verantwortung gerecht werden, das beispiellose Werk der Staatsgründer zu erhalten und ihrem Staat eine neue, zukunftsfähige Vision zu geben. Das Weltgeschehen hat sich in den letzten Jahren erheblich und teilweise auch dramatisch verändert.  Ein Shimon Peres hätte in dieser Entwicklung nicht  nur Risiken und Gefahren gesehen, sondern ebenso die positiven Chancen und Möglichkeiten erkannt. 

Der schmerzvolle Abschied vom großen Shimon Peres sollte auch die Stunde für einen Neubeginn in Israel sein. Und für die Jüdischen Gemeinschaften in aller Welt zugleich eine Verpflichtung zur Solidarität mit einem Staat, für den Shimon Peres sowie viele andere Frauen und Männer seiner Generation alles gegeben haben.


© Michel Rodzynek 2020