Der engagierte Schweiger Til, der Gott

sei Dank nicht schweigen will


Über die beachtenswerte Zivilcourage eines TV- Stars 

August 2015. Er polarisiert, provoziert und erzeugt mehr Aufmerksamkeit als die meisten Politiker. Wenn sich Til Schweiger (51) öffentlich äussert, ist ihm mediale Resonanz auf breiter Front sicher. Der berühmte Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent beschränkt sich nicht auf das Rampenlicht seiner höchst erfolgreichen Karriere. Mit seinem Engagement für die aktuelle Flüchtlingstragödie rüttelt er an der verbreiteten Trägheit unserer in großen Teilen gleichgültigen Spaßgesellschaft. Zugleich macht der in Freiburg als Sohn eines Lehrer-Ehepaares geborene Wahl-Hamburger ebenso massiv Front gegen Rechts wie gegen die Passivität der Politiker. 

Und wenn der aalglatte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bei diesem brisanten Thema in Sandra Maischbergers Talkshow quasi inhaltslose Statements abgibt, dann schlägt Til Schweiger rhetorisch auch schon mal unter die Gürtellinie. Dabei - und das ist wirklich schon bedenklich - erscheint mir die allgemeine Empörung über seine nicht immer stubenreine Wortwahl größer als die Betroffenheit über die elenden Lebensumstände jener hilflosen Menschen, die auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Leben zwischen den Kontinenten herumirren. 

So gesehen bin ich dem schweiglosen Schweiger höchst dankbar, weil er zumindest öffentliche Aufmerksamkeit und somit hoffentlich auch mehr Verständnis und Unterstützung erreicht. Die Glaubwürdigkeit seiner Statement bestätigt sich durch bemerkenswerte Eigeninitiativen. Til Schweiger redet nicht nur über das Problem, er bemüht sich auch selbst mit Arbeit und Geld um entsprechende Lösungen. Das allein verdient schon eine hohes Mass an Anerkennung. Natürlich gibt es auch viele andere prominente Persönlichkeiten, die sich für gemeinnützige Zwecke engagieren und teilweise - ohne Nebengeräusche - erhebliche Unterstützung leisten. Deutschland ist seit jeher eine großzügige Spendernation und weist europaweit die höchsten Aufnahmequoten für Flüchtlinge auf. Nach aktuellen Hochrechnungen sollen es beachtliche 800.000 Kinder, Frauen und Männer sein. 

Relativ klein indes ist der Kreis potenzieller Multiplikatoren, die sich ungeachtet einer möglichen Rufschädigung öffentlich positionieren. Ein Til Schweiger macht sich mit seinen unverblümten Aussagen nicht nur Freunde. Das nimmt er wohl auch bewusst in Kauf. Gleiches gilt ebenso für die couragierte Panorama-Chefin Anja Reschke, die sich an prominenter Stelle in den Tagesthemen thematisch Luft machte und stellvertretend für die große Mehrheit im heutigen Deutschland glasklare Position bezog: „Da werden Menschen als Dreck bezeichnet – das ist plumper Hass und purer Rassismus. Wo ist denn da jemand von der Politik und sagt: Das wollen wir nicht! Das ist nicht das Land, für das ich Politik mache!“ Endlich hat eine mutige Journalistin lautstark vor Millionen Fernsehzuschauern aufgezeigt, was wir Bürger eigentlich von den politischen Verantwortlichen erwarten, die mit unseren Stimmen regieren aber vielfach die erwartete Konsequenz vermissen lassen.

Ähnliche Bekenntnisse würde ich beispielsweise ebenso vom bezahlten Fußball angesichts des hohen Ausländeranteils erwarten. Mittlerweile haben fast alle Bundesligisten viele Spieler aus Afrika, Asien und der arabischen Welt im Team. Obgleich einige Vereine durchaus – im Vergleich zu ihren Umsätzen gleichwohl bescheidene – Initiativen zugunsten dieser not leidenden Menschen ergreifen, mangelt es allerdings teilweise selbst bei international renommierten Clubs an der gebotenen Sensibilität. So blamiert sich beispielsweise der HSV nicht nur fortlaufend auf dem Rasen, sondern auch in seinen offiziellen Mitteilungen. Weil die Stadt Hamburg in bevormundender Form einen unvorhergesehenen Teil der an den Verein verpachteten Parkflächen für die Unterbringung von Flüchtlingen belegen wollte, protestierte der Mediendirektor mit der Aussage, damit den Stadionbesuchern 500 Stellplätzen zu nehmen. Die unerträgliche Vorstellung mit meinem Auto möglicherweise einem Menschen den Schlafplatz zu rauben, hat mich jedenfalls zur Rückgabe meiner Dauerkarte veranlasst!

Alternativ gehe ich dann lieber ins Kino und schaue mir noch einmal den gesellschaftlich höchst aktuellen Schweiger-Spielfilm „Honig im Kopf" an. Ein weiteres Beispiel für das soziale Engagement dieses kritischen (Quer-)Kopfes, der sich zusätzlich mit einem gesellschaftlich hochaktuellen Problem beschäftigt, das mit steigender Lebenserwartung rapide zunimmt: Der Verlust menschlicher Geisteskraft im Alter. Wenn man gleichwohl die verachtenden Demonstranten gegen Flüchtlinge betrachtet, erscheint mir der Schwachsinn bei dieser Zielgruppe keine Frage der Jahre zu sein. Diese Leute haben schlichtweg genetisch oder erziehungsbedingt braunen Matsch in der Birne.     

© Michel Rodzynek 2020