Inschallah

Ist der Streit um die Gaza-Flotille nur ein Vorwand?

4. September 2011. Die so genannten Friedensaktivisten machen mobil gegen den Staat Israel. Im Norden Europas sind die Boykott- Forderungen gegen begehrte Agrarprodukte und innovative Technologien am lautesten; im Süden eskaliert ein binationaler Streit auf diplomatischer Ebene. Die Türkei weist jetzt den israelischen Botschafter aus, weil Jerusalem sich nicht bei Premierminister Recep Tayyip Erdogan für seine nunmehr rechtsstaatlich bestätigte Intervention gegen die konfliktprovozierende Gaza-Flotille zu entschuldigen bereit ist. Für Ankara ist der bedauernswerte Tod von neun gescheiterten Blockadebrechern Anlass, eine über die Jahre höchst partnerschaftliche und stabilisierende Allianz aufzulösen.

Die so unschuldige, liberale und gewaltfreie Türkei beklagt das Unrecht eines Staates, das sich weder den unwillkürlichen Raketen- und Bombenangriffen aus Gaza noch den erpresserischen Manipulationen der amtierenden Regierung am Bosporus beugen will. Was weder Premier Erdogan noch sein Aussenminister Ahmet Davutoglu in ihren feindseligen Drohungen erwähnen, ist der genetische Ursprung des aktuellen Konfliktes. Hinter der Idee, Planung und Realisierung des höchst riskanten Vorhabens, die israelische Seeblockade quasi gewaltsam zu durchbrechen, steckt bekanntlich die türkische Organisation InsanHak Fe Hürriyetleri Fe Insani Yardım Vakfı (IHH).

Somit drängt sich der Verdacht auf, dass diese unerfreuliche Affäre eigentlich nur Vorwand für die im eigenen Land höchst umstrittene Islamisierung der aktuellen Machtinhaber ist. Nach der verweigerten Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft sucht die Türkei eine neue Schlüsselrolle in einer Region, die insgesamt von heftigen Unruhen erschüttert wird. Die arabische Welt steckt in einem Umbruch und der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches ist heute so uneins wie seine auf Europa und Asien geteilte Landesstruktur.

Kündigt man gleich einem wirtschaftlichen, militärischen und vor allem auch touristischen Partner die langjährige Freundschaft, weil neun Aktivisten in einer selbst initiierten Auseinandersetzung mit der israelischen Marine ihr Leben verloren haben? Die Soldaten haben nachweislich erst zur Waffe gegriffen, nachdem sie mit Messern und Schlagstöcken brutal attackiert worden sind.

Wie hätten denn ihre Jungs im Vergleichsfall reagiert, Herr Erdogan? Und haben Sie sich mal gefragt, wie diplomatisch isoliert die Türkei heute wäre, wenn die internationale Staatengemeinschaft in angemessener Form auf die in Ihrem Land begangenen Verletzungen von Menschenrechten reagiert hätte?

Natürlich relativiert das eine nicht das andere; andererseits überschüttet das türkische Regime den Jüdischen Staat mit einer Schuld, die in Relation zur eigenen Historie so lächerlich ist wie ein ordnungswidriger Verkehrsunfall im Vergleich zu einem brutalen Mord. Wobei es hier nicht primär um die grundsätzliche Berechtigungsfrage zur Kritik als vielmehr um eine höchst eigenwillige Interpretation von Vorgängen geht, die im offiziellen UNO- Bericht offenbar anders dastehen als in der Eigeninterpretation der türkischen Regierungsoberhäupter. Jede ernstgemeinte Entschuldigung erfordert die freiwillige Bereitschaft zu dieser Geste. Sie ist jedoch wertlos, wenn Sie durch öffentliche Erpressung erzwungen werden soll.

62 Jahre nach seiner Staatsgründung erlebt Israel zur Zeit eine politisch wie gesellschaftlich schwere Krise. Der stockende Friedensprozess mit den Palästinensern wird immer wieder von heimtückischen Anschlägen und massiven Anfeindungen von Gruppierungen begleitet, die sich bis heute nicht eindeutig zum Existenzrecht Israels bekannt haben. Uneinigkeiten und Widersprüchlichkeiten in der politischen Führung sind derzeit maßgebende Gründe für das anhaltende Leid des palästinensischen Volkes. Hier gilt es zwischen Wirkungen und Ursachen realistisch zu differenzieren.

Bislang war die Türkei nicht nur das beliebteste Reiseziel israelischer Touristen, sondern auch ein Hoffnungsträger. Die auf zahlreichen Ebenen gut funktionierende Kooperation hatte durchaus auch inspirierende Einflüsse in der arabischen Welt. So gesehen waren es die militanten Aktivisten der türkischen IHH, die im mühsamen Nahost-Friedensprozess den Rückwärtsgang eingelegt haben. Sie hätten erheblich mehr Anlass, ihre türkischen Glaubensbrüder um Vergebung zu bitten, als Israel um eine offizielle Entschuldigung bei Herrn Erdogan. 

Inschallah....







© Michel Rodzynek 2020